18.02.2019

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Kleine Auto-Biographie

 

Liebe Journalisten,

(Gleich vorab, "Journalistinnen", schreib ich nicht. Ich komm aus einer Welt, in welcher Sonne feminin, und Mond maskulin sind - auf Italienisch übrigens genau umgekehrt - ich kann mit dem ganzen Gedudel von Gender-Dingsbums nichts, aber auch gar rein nichts anfangen), also nochmals:

liebe Journalisten, sehr geehrte Damen und Herren,

Euch ein Dankeschön, dass Ihr dann und wann mal über mich was schreibt. Besonders denen ein Dankeschön, die mit meinen Songs nichts anfangen können. Es muss furchtbar sein, in einem Konzert zu sitzen, wenn man lieber woanders wäre. Und sich was anhören müssen, das man nicht ausstehen kann. Und dann noch drüber schreiben müssen. Und noch schlimmer, dann noch eventuell was nettes schreiben müssen, weil's der Chef so wünscht, oder ne Kollegin, oder ein Bekannter, dem man eine Gefälligkeit erweisen möchte, oder weil's das Publikum toll fand. Kann ja nicht gut schreiben: "es war absoluter Schrott, die Leute klatschten wie blöde, weil sie doof sind."

Und damit nicht genug. Dann braucht man manchmal so biographische Eckdaten: wann geboren, wo geboren, wann gestorben (Hoppla...das kommt später), wovon lebt der Typ eigentlich? Doch nicht von seinen komischen Songs?

Deshalb, der paar Eckdaten wegen, liebe Journalisten, tipp ich hier die Zeilen.

 

Ich werd mich kurz fassen - so wie Mark Twain, der mal einer Predigt in der Kirche beiwohnte. Als ihn seine Frau später fragte, worüber der Pastor gesprochen habe, sagte er:

"Über die Sünde."

"Ja und, was hat er dazu gesagt?"

"Hmm, er war dagegen."

 

In Wirklichkeit gibt's auch nicht soviel zu erzählen. Alles ziemlich banal.

Also: Ich wurde geboren. Kann mich zwar nicht dran erinnern, aber ich bin da, und die menschenübliche Meinung ist, wenn man da ist, wurde man auch geboren.

Wann? In meinem Pass steht 27.12.1943. Das könnte stimmen. Wenn ich mich beim Rasieren im Spiegel angucke, wie einer, der vor zwanzig Jahren geboren wurde, seh' ich nicht aus.

Wo? In meinem Pass steht: Schanghai. Daran kann ich mich nun auch nicht mehr erinnern, aber meine Mutter bestätigte mir dies oft genug. Und Mütter haben bekanntlich immer Recht.

Wieso in Schanghai? Ja eben: weil 1943. Eigentlich hätte es Berlin sein sollen. Aber ab 1933 und vor allem ab 1939 waren Leute wie meine Eltern in Deutschland unerwünscht.

Mein Vater - er ruhe in Frieden - verkaufte in Shanghai Baumwollabfälle an die Japaner. Und dafür kam er bei unseren Freunden aus den USA auf eine schwarze Liste. (Ich weiss nicht, ob die Liste wirklich schwarz war, wahrscheinlich war sie weiss mit schwarzen Buchstaben). Es war jedenfalls eine Liste, auf der Personen standen, die man in Amerika nicht wollte, weil sie Geschäfte mit dem Feind machten. (Anmerkung für die Jüngeren, bzw. die Geschichtsunkundigen: damals waren Japaner Feinde. Heute sind sie Freunde. Moral: Der Begriff "Feind" ist wechselhafter Natur).

Aus dieser Geschichte hab ich was gelernt: Zuerst musst du wegrennen, weil dich sonst die eine Seite umbringt. Und wenn du weggerannt bist, kriegst du Prügel von der andern Seite.

1947 nachdem Amerika nun mal nicht wollte, fuhren meine Eltern mit mir in die Schweiz. Dort starb mein Vater. Zuvor hatte er für hunderttausend, oder zweihunderttausend damaliger Dollars - so genau weiss das heute keiner mehr, oder will's nicht mehr wissen - deutsche Aktien gekauft. Lauter unbekannte Firmen: Siemens, Daimler usw. Die Aktien kosteten damals ein paar Pfennige - Cents - moderner gesagt. Wenn ich heute die Aktienkurse angucke wird mir übel , oder schwindlig- das zweite kommt mit dem ersten. Wieso? Weiterlesen.

Meine Mutter war nun in der Schweiz, mit einem vierjährigen Bengel, ohne Pass, so was brauchte man damals noch, und ohne Geld, das braucht man heute immer noch. Sie hatte nur diese blöden Aktien. So kam ich zu einem schweizerischen Stiefvater.

Die Aktien verkaufte meine Mutter nach der Heirat, und mit ihrem neuen Mann - er war Hotelkaufmann -  kaufte sie ein kleines Hotel am Genfer See. Sie hätte gescheiter die Aktien behalten, dann wäre ich wohl später nie auf die Idee gekommen, Musik zu machen, sondern wäre so ein kleiner Rothschild oder Rockefeller geworden.

Ich wuchs mehr oder weniger dreisprachig auf. Mein Stiefvater sprach französisch, meine Mutter deutsch und meine Tante in Amerika, bei der ich oft war, sprach Englisch - mit einem grauenhaften Akzent.

Ich merke, diese Kurzbio wird zu langatmig. Also, ich wuchs irgendwie auf, sonst gäbe es diese Zeilen nicht. Logisch.

Mit vierzehn kaufte ich mir eine Gitarre. Mit selbstverdientem Geld. Die Hotelinvestition meiner Mutter war nicht von allzu viel Erfolg gekrönt gewesen. Das Hotel lag zwar schön am See, aber irgendwie kamen keine Gäste. Abgesehen davon, ich kaufte mir die Gitarre sowieso lieber selber, so musste ich niemandem Danke sagen. Wie ich zu dem Geld für die Gitarre kam? Schulferien. Unternebenhilfsconcierge in einem teuren Hotel in Sankt Moritz spielen. Für ein Minigehalt. Die Trinkgelder teilten sich der Concierge, der Hilfsconcierge, der Nebenconcierge und der Nebenhilfsconcierge. Der Unternebenhilfsconcierge guckte in die Röhre, manche Dinge ändern sich nie.

Ein bisschen bekannt wurde ich zum ersten Mal mit etwa achtzehn. Da sang ich auf meiner ersten Schallplatte in Paris. Ich bekam dafür sogar einen Preis - statt der Tantiemen. Der Preis wurde mir von einem ehrwürdigen, älteren Herrn Namens Maurice Chevalier überreicht. Aber im französischen Show-Business hielt ich es nicht lange aus. Zu viele Preise, zu wenig Tantiemen...

Etwas später,  1965, war ich in the United States of America, produzierte  bei meiner Tante in Atlanta, Georgia, in der Garage mit 2 Tonbandgeräten ein paar Demobänder. Dann überzeugte ich einen Radio-Produzenten. Der schleppte mich nach Nashville.  Dort im RCA Studio B nahm ich meine erste US Scheibe auf. Als Werbung für die Scheibe fiel der Plattenfirma ein genialer Satz ein: "A Swiss to watch". Wäre abgekürzt Swatch. Klingt irgendwie bekannt.

Meine Platten waren mittelmässig erfolgreich und in der Qualität...naja ein bisschen jugendlicher Sturm und Drang. ein paar Jahre später hatte ich vom amerikanischen Showgeschäft die Nase voll und ging zur Uni nach Bern, um Rechtsgelehrter zu werden.

Ab 1971 war ich dann wieder im Showgeschäft. Diesmal nicht mehr als Bänkelsänger, sondern als Studiobetreiber. Ich lernte Claude Nobs, den Gründer des Jazz Festivals von Montreux kennen, und gemeinsam heckten wir den Plan aus, die Konzerte in professioneller Qualität aufzunehmen. Einerseits kam ich in Berührung mit wirklich begabten Menschen. Andererseits merkte ich, dass kommerzieller Erfolg und künstlerischer Wert zwei Paar Schuhe sind. Leider, leider, leider. Man muss sich entscheiden...

1976 entschied ich mich fürs Zweite, und so kam meine erste deutsche Langspielplatte in Deutschland an die Öffentlichkeit. Zuerst wollte kein Vertrieb meine Bänder. Es dauerte ein paar Monate, bis ich jemanden überreden konnte. Er hat's nicht bereut.

Ich erhielt den deutschen Künstlerpreis des Jahres als "Nachwuchskünstler des Jahres" …mit 33 Jahren. Steinbock. Spätzünder. Besser spät als nie. Gut Ding…. Zwei Jahre später wurde ich zum "Künstler des Jahres" ernannt, was immer dieser pompöse Titel bedeuten mag.

1981 hatte ich diese Idee mit der emanzipierten Dame. Ich nannte den Song: Uschi mach kein Quatsch.

Und sonst? Na ja, nebenbei gründete ich mal eine Firma für Studiotechnik (weil ich das Zeugs zum kaufen zu teuer fand). Produzierte auch andere Dinge unter irgendwelchen Pseudonymen, ach ja, ich schrieb 1982 und 1984 zwei kleine Schmöker, "Kekse" hiess der eine, mehr als Krümel waren da auch nicht drin. Dreizeilige Aphorismen und ein paar Zeichnungen. Den andern nannte ich "Liebe gibt's im Kino - eine Art Selbstporträt".

1989 verzog ich mich - wie ich meinte für immer - aber um die Jahrtausendwende hielt ich's nicht mehr aus,  und bin wieder (in unregelmässigen Abständen) da.

Wie am Anfang erwähnt: es gibt nicht soviel zu erzählen. Alles ziemlich banal.

 

Pläne?

 

Nee, ich nehm den Tag, wie er kommt.

 

Danke fürs bis hierher Lesen.

 

Stephan Sulke